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Antje Büchner
Lipowskystraße 4
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Bericht Impfcamp April 1999 / Vasco (Goa), Thane und Mulund (Mumbai)
Mein Name ist Antje Büchner, ich bin 27 Jahre alt, bin Sekretärin, komme ursprünglich aus Dresden und lebe seit ca. 8 Jahren in München.
unser zwanzigtausendstes Kind RAHUL - geimpft in Bombay !
Nach diversen Reisen nach Südamerika, Asien und zwei 5wöchigen Reisen durch Indien wurde in mir der Gedanke bzw. der Drang danach geweckt, auf irgendeine Weise den Menschen in diesen Ländern zu helfen bzw. Anstösse zu geben, die sie dann vielleicht irgendwann einmal selbst umsetzen können. Ich fing an, Unterlagen von allen möglichen Hilfsorganisationen anzufordern und zu studieren. Es war ein schwieriges "Problem" und da ich keinerlei ärztliche Ausbildung vorweisen konnte, war die Chance, bei einer solchen Aktion mitzuwirken, eigentlich gleich Null. Bis ich durch Zufall über Internet Verbindung mit der "Fördergemeinschaft für Kinder in Indien e.V." per eMail aufnahm. Herr Regge verwies mich gleich an Clemens Hütte, der die nächste Impfaktion im April 1999 in Indien starten wollte. Wir telefonierten und machten ziemlich schnell alles klar.
An meine Kollegen und Kolleginnen in der Firma verteilte ich ein Schreiben, in dem ich mitteilte, was ich vorhatte und rief somit auch zu einer kleinen Spendenaktion auf, bei der DM 1840 eingesammelt wurden. Viele Freunde und Bekannte waren ebenfalls von dieser Aktion begeistert und fingen an, Plüschtiere, Spielzeug und Kindersachen zu sammeln. Mein Zahnarzt stellte freundlicherweise viele Zahnbürsten und kleine Zahnpastatuben, die er sonst an seine Patienten verteilt, für diesen Zweck zur Verfügung. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich auch nochmals ganz herzlich bei allen, die gespendet, gesammelt und gute Tips gegeben haben, bedanken.
Am 30. März 1999 war es dann so weit. Am Flughafen in München erwartete mich noch eine längere Diskussion mit den Angestellten von der Swissair, die für zwei große Umzugskartons mit Plüschtieren und Kindersachen von mir DM 700,-- für den Transport haben wollten. Ich fand dies unverständlich, zumal ich eine Woche vorher auch mit der Geschäftsführung der Swissair in Frankfurt telefoniert hatte, und diese mir bestätigten, daß der Flug nicht voll sei und deshalb die Möglichkeit besteht, noch einiges mitzunehmen. Durch dieses Argument wurden die Mitarbeiter einsichtigt und stimmten dann doch, zwar nur mit Ausnahme, der kostenlosen Beförderung des Gepäckes zu.
Ich flog nach Bombay und sollte mich dort mit Clemens und seiner Mutter (Barbara) treffen. Wir drei verstanden uns sofort sehr gut und schon waren wir mitten drin im "indischen Chaos". Drei Tage später trafen wir uns noch mit Susanne Otto und Manuela Dubreuil, zwei Krankenschwestern aus Berlin, mit denen wir dann alle Camps gemeinsam gemacht haben. Wir waren ein echt gut zusammpassendes, lustiges und auch hart arbeitendes Team. Alle waren füreinander da, man wechselte sich in den Arbeiten ab und paßte z. B. auch gegenseitig auf, daß jeder genügend trinkt, was in dieser Hitze wirklich zwingend notwendig war.
Die Organisation der Impfcamps war am anstrengendsten. Wie in Indien üblich, redeten alle auf einmal, jeder Arzt sagte etwas anderes, kurz darauf stand das Camp, es konnte aber sein, daß wir zwischendrin wieder Anrufe bekamen, wo wieder alles kurzzeitig umgeworfen wurde. Als wir alle glücklich waren, daß alles organisiert war, kam es jedoch auch schon vor, daß das Camp, was wir für 09.00 Uhr morgens angesagt hatten, durch die "Ruhe" der Inder erst um 12.00 Uhr mittags begann. Wir mußten uns echt in Geduld üben. Mit der Zeit lernt man, sich nicht mehr aufzuregen und geht die Sache genau mit der indischen Mentalität an. Alles andere würde einen nervlich zermürben.
Das Camp in Goa, genau in einem Slum in Vasco, war für mich, vielleicht, weil es das erste war, am beindruckendsten. Die Menschen dort leben teilweise nur in aus Lumpen zusammengebastelten Hütten. Rundherum türmen sich Berge von Müll. Dementsprechend roch auch die Luft. An das Ungeziefer und die Bakterien, die sich darin mit Vorliebe vermehren, darf man gar nicht denken.
Als wir am Morgen ankamen, standen schon hunderte Kinder, teilweise mit ihren Müttern, versammelt um die Hütte herum. Alle lachten und winkten uns zu. Diese interessanten Gesichter! Sie waren so ausdrucksstark. Ich habe mich total gefreut, dort zu sein, aber gleichzeitig war mir auch irgendwie nach weinen zumute - es war einfach zu rührend.
Um die Kinder abzulenken, fing Babara gleich an, ein Lied mit den Kindern zu singen - ohne Text, nur "la, la, la" - die Kinder waren begeistert. Weitere Ablenkungsmanöver wie Springseilspringen, mit Straßenkreide malen, Kästchenspringen usw. wurden von uns angeregt, waren auch für die Kinder eine Zeit lang interessant - aber die Lust ließ auch sehr schnell nach. Für uns war es außerdem bei über 40 Grad ziemlich anstrengend.
Langsam geriet die Sache bißchen außer "Kontrolle", denn die Kinder und Mütter drängten sich in Massen um den Eingang zur Hütte. Es war echt harte Arbeit, alle abzuhalten und Platz für die Ärzte zum Impfen freizuhalten. Es war nur noch ein Geschupse und Gedrängel, alle dachten, daß sie nicht mehr dran kommen (in späteren Camps kam uns dann die Idee, doch einfach Nummern zu verteilen, dies hat auch geklappt, von da an standen alle brav in einer Reihe an). Wir versuchten immer wieder, eine Reihe zu bilden, die hielt kurz an, doch dann wurde aus der Reihe schon wieder eine Menschentraube, bei der man dachte, es geht um sonst irgendwas. Wir mußten teilweise die kleinen Kinder aus der Masse ziehen, damit sie nicht zerquetscht wurden.
Dazu kam noch das Geschrei der Kinder, die gerade geimpft wurden. Das steckte natürlich auch viele Wartende an und so entstand ein brutaler Geräuschpegel, eine Mischung aus Weinen, Schreien und lautem Reden.
Wenn man sich die Kinder genauer ansah, waren sicher sehr viele Kranke darunter. Es war nicht selten, daß sie undefinierbare Ausschläge, teilweise Verkrüpelungen, offene Wunden, die schlecht heilen, 2 Daumen an einer Hand, usw. hatten bzw. auch unterernährt waren. Bei vielen ist uns aufgefallen, daß sie gelbe Augen hatten, was wahrscheinlich auf einen totalen Vitaminmangel hinweist.
Susanne und Manuela hatten die Idee, den Krankenschwestern beim Spritzen aufziehen zu helfen, damit alles bißchen schneller voranging, was sich auch als sehr vorteilhaft erwies, da die Schwestern jetzt nur noch spritzen mußten.
Den Kindern, die schon geimpft wurden, schenkten wir danach jedem eine Zahnbürste, eine Tube Zahnpasta und den ganz kleinen noch ein Plüschtier. Eine große Umzugskiste mit Kinderkleidung hatten wir auch dabei. Es war goldig zuzuschauen, wie sie sich auch über das kleinste Kuscheltier freuen konnten und dabei das Weinen fast vergaßen und wie dann nach und nach die Kinder mit unseren T-Shirts oder kurzen Hosen ankamen und es stolz präsentierten.
Am Abend des Camps gingen wir alle, begleitet wieder von unzähligen Kindern, zum Strand hinunter, um die gebrauchten Spritzen zu verbrennen. Total aufregend war es für die Kinder, als sie den Sonnenbrand an unseren Armen entdeckten, denn, wenn sie darauf mit ihren Fingern drückten, hinterließ es natürlich einen weißen Fleck. So etwas hatten sie anscheinend vorher noch nie gesehen. Die Kinder jubelten, als das Feuer entfachte und auf einmal fingen sie an, sich bei uns zu bedanken und uns die Hände zu schütteln. Es war unbeschreiblich rührend, immer und immer wieder die Worte "thank you, thank you" zu hören. Es ging uns allen ziemlich nah und irgendwie waren wir glücklich und es tat gut, das zu hören, nach diesem anstrengenden Tag.
Für mich war diese Reise trotz der extremen Anstrengungen eine große Herausforderung und wichtige und sehr schöne Lebenserfahrung. Dadurch merkt man immer wieder, wie gut es einem doch in Wirklichkeit geht und daß es einem im Grunde an nichts fehlt.
Ich möchte es niemandem aufdrängen oder direkt "empfehlen", in solche armen (und doch an Gefühlen so reiche) Länder zu reisen, aber das Gefühl von Herzlichkeit, Wärme und Dankbarkeit, von Familienzusammenhalt und Gastfreundschaft kann man meiner Meinung nach nur in solchen Ländern erleben. Es zählt einfach der Mensch, egal, ob er gesund, krank, behindert, dick oder dünn ist. Leider sind viele dieser Eigenschaften in Deutschland oder Europa nicht mehr selbstverständlich.
An Clemens, Barbara, Susanne und Manuela möchte ich noch sagen, daß es eine superschöne Zeit mit Euch war.
Es war sicher nicht mein letzter Besuch in Indien - und ich möchte gerne die Arbeit für den kleinen Verein "Fördergemeinschaft für Kinder in Indien" im nächsten Urlaub fortsetzen
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Nachsatz:
Antje hat im April 1999 ihren gesamten Urlaub für Kinder in Indien aufgewandt - und ihre Reisekosten selber getragen.
Wir möchten uns bei ihr ganz herzlich dafür bedanken !
Hans-Joachim Regge, Bremen, im Namen der
Fördergemeinschaft für Kinder in Indien e.V., Bremen